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Abstract
Das Policy-Paper analysiert den zwölferschiitischen Islamismus in Deutschland nach dem Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) 2024. Es zeigt, dass das Verbot zentrale Strukturen schwächte, die dezentralen und transnationalen Netzwerke jedoch fortbestehen. An Bedeutung gewannen insbesondere das azeri-türkische Netzwerk und das türkische Avcı-Netzwerk; Frankfurt am Main entwickelt sich dabei zu einem neuen Schwerpunkt. Zugleich reichen diese Netzwerke zunehmend in antiimperialistische und propalästinensische Teile der politischen Linken hinein. Am Beispiel des Al-Quds-Tags 2026 zeigt das Paper, wie hybride Bündnisse neue gesellschaftliche Einflussräume eröffnen. Sicherheitspolitik muss daher neben einzelnen Organisationen stärker dezentrale Netzwerke, MultiplikatorInnen und ideologische Einflussräume in den Blick nehmen.
Zusammenfassung
- Mit dem Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) und seiner Teilorganisationen 2024 sowie vorausgegangenen Verboten von Organisationen aus dem Umfeld der libanesischen Hisbollah wurde der zwölferschiitische Islamismus in Deutschland erheblich geschwächt, jedoch nicht zerschlagen. Dezentrale Netzwerksegmente übernehmen Funktionen verbotener Organisationen, neue Knotenpunkte entstehen, und die Mobilisierung reicht zunehmend über das eigene Milieu hinaus.
- Vereinsverbote treffen Organisationen, nicht zwangsläufig die dahinterliegenden Netzwerke. Der zwölferschiitische Islamismus war nie ausschließlich um das IZH zentriert, sondern als transnationales Geflecht relativ autonomer iranischer, libanesischer, azeri-türkischer und türkischer Segmente organisiert. Nach dem IZH-Verbot gewinnen insbesondere das azeri-türkische und das Avcı-Netzwerk an Bedeutung. Zu einem bedeutenden Knotenpunkt entwickelt sich Frankfurt am Main.
- Die Reichweite dieser Netzwerke geht zunehmend über das schiitisch-islamistische Milieu hinaus. Seit dem 7. Oktober 2023 intensivieren sich insbesondere Kontakte zu Teilen der anti-imperialistischen Linken. Anschlussstellen bilden antiisraelische, antizionistische und antiwestliche Deutungsmuster sowie die Deutung Irans und der sogenannten Achse des Widerstands als antiimperialistische Kräfte. BrückenakteurInnen und MultiplikatorInnen vermitteln diese Narrative in gesellschaftliche und politische Milieus, zu denen islamistische Organisationen nur begrenzten Zugang haben. Eine herausragende Rolle spielen dabei Kader der Kommunistischen Organisation (KO).
- Der Al-Quds-Tag 2026 in Frankfurt am Main bildet den vorläufigen Kulminationspunkt dieser Entwicklung. AkteurInnen der antiimperialistischen Linken übernahmen zentrale Funktionen bei Anmeldung, Mobilisierung und Organisation, während das bisherige schiitisch-islamistische Trägernetzwerk präsent blieb.
- Sicherheitspolitisch folgt aus diesen Entwicklungen, dass der Fokus über einzelne Vereine hinaus auf dezentrale Netzwerke, BrückenakteurInnen, MultiplikatorInnen und ideologische Einflussräume erweitert werden muss. Vereinsverbote bleiben wichtig, reichen gegenüber resilienten transnationalen Netzwerken jedoch nicht aus. Entscheidend ist, zu erfassen, wie geschwächte Strukturen ersetzt und über neue Bündnispartner gesellschaftliche Einflussräume erschlossen werden.